Museum für Anthropozäne Technologie

Heute möchte ich von meinem wohl ungewöhnlichsten Museumsbesuch aller Zeiten berichten. Meine Freundin Brigitte hatte uns einen Termin in einem privat geführten Museum gemacht, konnte oder wollte mir vorab aber nicht so richtig erklären, worum es dabei ging. Nun standen wir also vor einem großen Eisentor, welches den Eingang zu einem sehr alten, sehr geschmackvoll und modern sanierten Haus bildete, und ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Auf unser Klingeln öffnete Frank Raes, der in Belgien geborene Hausherr.

Anfänglich bin ich etwas verwirrt. Die Exponate – Gebrauchsgegenstände, Kunstobjekte, Dokumente, verrückte Arrangements – ergeben irgendwie keinen Sinn. Frank zeigt auf eine große Sammlung Espressomaschinen: „Schau hier, diese interessanten Objekte. Sie sehen alle sehr ähnlich aus. Es gibt sogar einen Katalog dazu. Warum waren diese Objekte den Menschen so wichtig? Wozu hat man sie gebraucht?“ Äh, wie bitte? Sieht man doch! Zum Espressozubereiten! Und so lenkt Frank unsere Aufmerksamkeit noch auf diverse Objekte, deren Sinn ich nicht so ganz verstehe, die ich teilweise auch nicht erkenne. Bis Frank uns nach einiger Zeit endlich den Schlüssel zu seinem philosophischen Museum liefert: „Wir befinden uns im Jahr 52025 und haben all diese Dinge hier unter diversen Erdschichten gefunden und versuchen jetzt herauszufinden, wozu der Mensch diese Dinge damals wohl verwendet hat. Wir wissen auch nicht, wieso die Zivilisation der Anthropozäne am Ende ausgestorben ist und auch nicht, wann genau.“ 

Ah, jetzt dämmert es mir langsam. So langsam gelingt es mir, mich in die Exponate einzudenken und ich beginne, mich auf das Gedankenexperiment einzulassen. „Hier haben wir beispielsweise verschiedene Dinge gefunden, die in einem Zusammenhang zu stehen scheinen. Ein Monitor, eine Tastatur, ein Telefon, ein Lautsprecher, ein Tonbandgerät… wer weiß, was die Menschen damals damit gemacht haben?“ 

Wir durchwandern die drei alten, miteinander verbundenen Gebäude und „Wunderkammern“, wie Frank einige der Räume nennt. „Wunderkammern sind Räume, in denen Naturalien, Artefakte, Kunst und Handwerk, aber auch Raritäten und Kuriositäten gesammelt werden, um den universalen Zusammenhang der Dinge darzustellen.“ Nicht nur die Exponate in den verwirrend vielen Räumen beeindrucken und beschäftigen mich, sondern auch die unglaubliche Architektur der Gebäude. Altes Gemäuer wird durch Beton und Metall verbunden, belebt, einer neuen Bestimmung zugeführt.

Ich möchte nicht zuviel über das Museum verraten. Nur soviel, dass ich noch Tage später mit anderen Augen durch den Alltag lief. Mit dem Begriff Anthropozän hatte ich mich vorher nie beschäftigt. Der Begriff wurde in den frühen 2000er Jahren geprägt und beschreibt das geologische Zeitalter, in welchem der Mensch entscheidenden Einfluss auf die Prozesse der Erde genommen hat. Es ist ein sehr komplexer Begriff, der auch kontrovers diskutiert wird.

Und genau das will Frank mit seinem Museum erreichen: Die Menschen zum Nachdenken über ihr Dasein anregen. Das ist ihm bei mir erfolgreich gelungen!

Ach ja: Frank! Über Frank Raes, Klimaforscher, TED Speaker und Künstler könnte man schon einen ganzen Blogbeitrag schreiben. Ich mache es mir einfach und verlinke hier auf seine TED Rede (Italienisch mit englischen Untertiteln), die ein bisschen erklärt, wie es zu dem 2017 gegründeten Museum in Laveno Mombello kam.

Frank hat auch eine politische Botschaft, die man in seinen vielen Veröffentlichungen nachlesen kann – einige sind auf der Webseite seines Museums verlinkt – doch auf diese möchte ich nicht detailliert eingehen, da ich mit einigen seiner Statements nicht übereinstimme.

Wer das Museum of Anthropocene Technology besuchen möchte, muss sich vorher anmelden. Frank freut sich über Besucher, die keine Angst haben, wenn jemand ein bisschen an ihrem „Welt-Bild“ rüttelt.

Anfragen bitte an postmaster@museumofanthropocenetechnology.org

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